Fischen mit Hand und Fuß

Die indische Muschelfischerei in Ashtamudi hat eine aussichtsreiche Zukunft.

Einige Muschelfischer in Kerala, Indien, fischen mit Maschinen. Andere benutzen ihre Füße. Kaum zu glauben, wer für die Zukunft besser gerüstet ist...

Die Sonne geht über den Ashtamudi-Seen an der Südwestküste Indiens auf.

Man kann die Vögel in den Bäumen hören, die Glocken einer nahegelegenen Kirche und das Platschen der Ruder auf dem See, wenn die Fischer zu den Muschelbänken aufbrechen.

Ungefähr tausend Muschelfischer arbeiten auf diesen Gewässern. Sie rudern in hölzernen Kanus alleine, zu zweit oder manchmal zu dritt aus ihren Dörfern hinaus.

Sie kommen bei Ebbe an den Muschelbänken an und springen aus den Booten ins flache Wasser, um die Muscheln mit ihren Füßen vom Boden zu lockern oder sie per Hand aufzusammeln. Von den größeren Booten aus werden auch Handrechen mit daran befestigten Netzen benutzt.

Die Muscheln werden gesiebt und die zu kleinen Muscheln zurückgeworfen. Sie können weiter wachsen und sich fortpflanzen. An einem guten Tag kann ein Fischer in vier bis fünf Stunden 200 Kilogramm Muscheln sammeln. Dann ist es Zeit zurückzukehren, bevor das Wasser zu hoch steigt und es in der Sonne zu heiß wird.

Man möchte meinen, dass sich diese Art des Fischens seit Generationen nicht verändert hat. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Zwar essen die Menschen hier schon immer Muscheln, aber es wurde erst in den 1980ern damit begonnen sie auch in großem Stil zu sammeln. Durch die rasch ansteigende Nachfrage nach Muscheln und ihren Schalen wuchs die Fischerei schnell. Zu schnell.

Im Jahr 1991 wurde der Spitzenwert von 10.000 Tonnen Muscheln pro Jahr erreicht. Zwei Jahre später fiel die Fangmenge aufgrund von Überfischung auf die Hälfte ab.

Die Menschen in der Gegend hatten die Wahl: Sollten sie die Ressource weiter (aus)nutzen, so lange wie eben möglich? Oder auf die schnellen Profite verzichten, um die Muschelvorkommen langfristig zu erhalten?

Die Einwohner von Ashtamudi entschieden sich für Letzteres. Mithilfe von FischereiwissenschaftlerInnen setzten die lokalen Fischer einige Maßnahmen um, damit die Bestände sich erholen konnten. Die Fischerei bleibt seit dem für drei Monate pro Jahr während der Fortpflanzungszeit von Dezember bis Februar geschlossen. Sie haben eine Mindestanlandegröße eingeführt, sodass nur noch geschlechtsreife Muscheln verkauft werden können. Und sie haben die mechanische Fischerei verboten.

©WWF/Wetjens

Das war ein cleverer Schachzug. In anderen Seengebieten in Kerala wie z.B. Vembanad hat das mechanische Abfischen der Muschelbestände dazu geführt, dass diese so gut wie erschöpft sind.

Aber in Ashtamudi bleiben die Fänge mit ungefähr 10.000 Tonnen pro Jahr stabil. Zudem wird für die größeren, per Hand (bzw. Fuß) gesammelten Muscheln mehr bezahlt. Das ist die Grundlage einer blühenden Industrie, die ca. 13,5 Millionen Rupien (180.000 €) pro Jahr wert ist.

Die Muscheln liefern den Lebensunterhalt für 1000 Fischer. Für weitere 3000 bis 4000 Menschen – viele davon Frauen – schaffen Waschen, Verarbeiten und Verkaufen der Muscheln Arbeit.

Die Schalen bieten eine weitere Einkommensquelle: sie werden als Mineralienquelle bei der Betonproduktion verwendet und man kann aus ihnen Karbid herstellen, das beim Schweißen genutzt wird. Die Muscheln werden von einer lokalen Fabrik gekauft, hitzebehandelt, gefroren und an Händler und Restaurants verkauft. 80 Prozent werden nach Vietnam, Malaysia und Thailand exportiert.

Ein durchdachtes, nachhaltiges Management hat die Zukunft der Fischerei gesichert. Die Aussichten der Menschen vor Ort sind besser denn je. Ende des Jahres 2014 wurde die Ashtamudi-Muschelfischerei die erste Fischerei in Indien, und die dritte in Südostasien, die als nachhaltig nach dem Umweltstandard des Marine Stewardship Council (MSC) zertifiziert wurde.

Muscheln aus Ashtamudi können jetzt mit dem blauen MSC-Siegel verkauft werden. Die Fischer hoffen, dass ihnen der Beweis für ihre nachhaltige Arbeitsweise Märkte in Europa und den USA sichert, wo MSC-zertifizierte Produkte zunehmend gefragt sind.

Joseph James arbeitet seit 25 Jahren in der Fischerei und ist stolz, dass die Bemühungen, die Fischerei gesund zu erhalten, Anerkennung gefunden haben. Was sind seine Hoffnungen für die Zukunft? „Bessere Preise, neue Märkte, gute Qualität und strenge Vorschriften, um sicherzustellen, dass die Fischerei gesund bleibt und die Ressource an die nächste Generation weitergegeben werden kann,“ antwortet er.

Die Zertifizierung ist das Ergebnis einer vierjährigen Zusammenarbeit zwischen den lokalen Fischern, dem Kerala State Fisheries Department, ForscherInnen am Central Marine Fisheries Research Institute, lokalen Führungspersonen und dem WWF Indien.

Oluyemisi Oloruntuyi, Leiterin des MSC-Entwicklungsländer-programms, sieht Ashtamudi als ein gutes Beispiel dafür, dass die Zertifizierung für andere kleine Fischereien in Indien und anderen Entwicklungsländern möglich ist. Kleine Fischereien haben oft nicht die wissenschaftlichen Datenmengen, detaillierte Managementpläne und Beobachterprogramme, die große zertifizierte Fischereien haben.

„Die Ashtamudi-Fischerei wurde nach einem risikobasierten System bewertet, das den unabhängigen Auditoren erlaubt, eine Fischerei anhand von Informationen zu bewerten, die bei Vor-Ort-Besuchen, Workshops und Interviews gesammelt wurden.“

Oluyemisi Oloruntuyi, Leiterin des MSC-Entwicklungsländerprogramms

Die AuditorInnen kamen nach anderthalbjähriger Bewertung zu dem Schluss, dass die Ashtamudi-Muschelfischerei eine nachhaltig arbeitende Fischerei ist und kein Risiko für den Fortbestand der Muschelbestände oder für das Ökosystem darstellt. Dennoch ist eine Bedingung der Zertifizierung, dass die Fischerei Nachweise sammelt, um das zu untermauern.

„Indien muss auf Nachhaltigkeit setzen. Viele hochwertige, kleine Fischereien sollten in den Bewertungsprozess eintreten. Die Vorteile kommen den Fischern selbst sowie dem ganzen Fischereisektor zugute.“

Dr. K. Sunilkumar Mohamed vom Central Marine Fisheries Research Institute

In Indien bietet der Fischereisektor Lebensunterhalt für mehr als 700.000 Menschen. Wenn die Fischereien nicht nachhaltig arbeiten, sind Lebensunterhalt und Nahrungssicherheit dieser Menschen in Gefahr. Die Vorteile nachhaltiger Fischereien liegen – hier sprichwörtlich – auf der Hand.

Die Muschelfischer von Ashtamudi haben es bewiesen: die Zukunft haben sie in ihren eigenen Händen – und Füßen.

Teile diese Fischereigeschichte: